Suchen Sie was bestimmtes?
20.02.2020
"Es gibt Schlimmeres, als von Radikalen geleimt zuwerden"

Otto
Wulff, 87, Präsident der Senioren-Union, aus Schwerte, seit 1953 m der CDUWELT:

Was
sagen 87 Jahre Lebenserfahrung zu Thüringen?
Otto
Wulff: Wenn man sich die Protokolle des Reichstags aus den Jahren 1931,1932 ansieht,merkt man, dass KPD und NSDAP damals die gleiche Strategie befolgt haben, wie die AfD jetztin Thüringen. Die Radikalen wollen die Politik der Demokraten lächerlich machen und siecharakterlos auszutricksen. Das muss man wissen, um weiteren Spuk zu verhindern.-

WELT: Haben Sie eigentlich von Absprachen zwischen CDU und AfD gehört?

Wulff: Davon weiß ich nichts, kann ich mir auch nicht vorstellen. Mike Mohring ist ein Politikervon Charakter und Noblesse und leidet nun damnter wie ein Hund, auf miesester Art von derAfD hintergangen und betrogen worden zu sein. Er hat Anspruch darauf, dass wir jedenfalls
seine
Gefühle verstehen. Allein der Vorwurf ist ihm zu machen, die Tatsache missachtet zuhaben, wonach Radikale kein Vertrauen verdienen, sondern nur abgrundtiefes Misstrauen.

WELT:
Hat Kramp-Karrenbauer Mohring nicht sogar gewarnt?
Wulff: Natürlich hat sie das, aber ich weiß nicht, wie ihre Information verwendet wurde.

WELT:
Wie geht's der CDU jetzt gerade?

Wulff:
Sie verkriecht sich jedenfalls nicht und bleibt auch weiterhin hörbar. Allerdings gibt es schlimmere Dinge, als von Radikalen geleimt worden zu sein. Nur dürfen wir mit ihnen nichtpflaumenweich umgehen. Thüringen war einmal mehr eine Lehre dafür, nicht arglos zu sein.

WELT:
Was braucht die CDU jetzt?

Wulff:
Wir müssen unsere politischen Ziele präzise bestimmen und Antworten geben. Darübermüssen wir vorrangig unmittelbar vor Ort mit dem Bürger diskutieren, ihm zuhören und ihmauf seine Fragen antworten. Talkshows können für solche Forderungen kein Ersatz sein.
Wir
dürfen den Populisten und Nationalisten nicht das Feld überlassen. Solche Zeitgenossen sind dumm, sie haben von der Größe der Welt keine Ahnung und predigen dumpfen Nationalismus  und abgestandenen Pessimismus.Die Union muss sich wieder stärker ihrer Geschichte erinnern, als sie häufig auf die Zähnebeißen musste und dabei schließlich zur erfolgreichsten Volkspartei der europäischen Nachkriegsge schichte wurde. Die Union hat jedenfalls keinen Nachholbedarf an endlosen Personaldiskussionen, die die Bürger eher vertreibt, als anzieht.

WELT:
Und wie soll man mit den Linken umgehen. Kann man nicht mit denen regieren?

Wulff:
Ich habe 1954/55 in Berlin an der Freien Universität studiert. Ich hatte einen Freund, derim Ostteil der Stadt wohnte, aber an der FU noch studieren konnte. Am anderen Tag tauchte er nicht mehr auf. Er war zu 20 Jahren Gefängnis Hohenschönhausen verurteilt worden und ist in der Haft unter der Diktatur der SED gestorben. Solange die Linke nicht klar und zweifelsfrei die Vergangenheit ihrer Vorgängerpartei aufarbeitet, in der Walter Ulbricht und Erich Mielke und Hilde Benjamin ihr mörderisches Unwesen trieben und die Bevölkerung einmauerten, ist eine Zusammenarbeit mit der Union nicht vorstellbar.