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Presse
12.02.2019, 09:43 Uhr
Deutschland ein Schildbürgerland?
Schon der völlig überhastete Beschluss zum kompletten Ausstieg aus der Kernenergie nach derReaktorkatastrophe von Fukushima in Japan 2011 sorgte bei vielenBeobachtern im Ausland und Inland für Stirnrunzeln. EinSchildbürgerstreich par excellence traf jedoch bereits rund 25 Jahrezuvor das Atomkraftwerk (AKW) in Mülheim-Kärlich, das sich noch bisetwa 2025 im Rückbau befindet. In den dann immerhin 50 Jahren seitBaubeginn 1975 ist das Kernkraftwerk nur unglaubliche 13 Monate imLeistungsbetrieb gelaufen – vom 1. August 1987 bis zum 9. September1988. Der Fall des rheinland-pfälzischen AKW ist auch eine Geschichtedes deutschen Verwaltungswahnsinns.

Entlassung aus dem Atomgesetz

In unmittelbarer Nähe zum Deutschen Eck in Koblenz, wo die Mosel inden Rhein fliesst, war das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich fürJahrzehnte das Wahrzeichen der gleichnamigen Gemeinde,wenngleich viele Bürger dem bereits aus weiter Ferne sichtbarenBetonbau von Anfang an skeptisch gegenüberstanden. Technisch wardie linksrheinische Anlage, die nur 100 Meter vom Ufer entfernt liegtund dem Energiekonzern RWE gehört, ein Erfolg. Das Kraftwerk habehervorragend funktioniert, habe allen Sicherheitsstandardsentsprochen und sei auch auf Erdbeben vorbereitet gewesen, sagtThomas Volmar, seit 2015 Leiter der Anlage sowie Projektleiter desRückbaus. Etwa 45 Angestellte von RWE und rund 100 Mitarbeiter vonPartnerfirmen sind noch auf der Anlage tätig, darunter etwa einDutzend Ingenieure. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter ist 52Jahre, insofern haben hier viele Angestellte noch einen Job aufLebenszeit. Das primäre Ziel des Rückbaus ist nicht dieWiederherstellung einer grünen Wiese, erklärt Ingenieur Volmar imRahmen eines Besuchs im AKW, sondern die Entlassung der Anlageaus dem Atomgesetz. Auch der Rückbau wird von denAufsichtsbehörden eng begleitet. Es ist immer ein Sachverständigerdes TÜV Rheinland auf dem Gelände, und alle zwei Wochen kommtBesuch von der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde.
Doch wie kam es zu diesem Schildbürgerstreich? Mit dem Baubeginnim Jahr 1975 wurde der gesamte Standort des Atomkraftwerksaufgrund einer unterirdischen Verwerfungslinie im Gestein um 70Meter verschoben. Das war bereits der Anfang vom Ende. DieVerschiebung geschah zwar mit der Genehmigung durch diezuständige Behörde, das Wirtschaftsministerium in Rheinland-Pfalz,dessen damaliger Ministerpräsident Helmut Kohl war.Atomkraftwerke werden allerdings in Teilgenehmigungenvorangetrieben. Die inkriminierte Standortverschiebung warBestandteil der zweiten Teilgenehmigung, wurde aber nichtnachträglich in die erste Teilgenehmigung eingefügt. Dies war eingravierendes Versäumnis, das Klägern Tür und Tor öffnete. Die ersteTeilgenehmigung wurde schliesslich am 9. September 1988 wegeneines Verfahrensfehlers aufgehoben, dadurch wurde der Bau quasiillegal. Damals standen Deutschland und die Welt unter dem Eindruckder Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986, als derReaktor 4 des ukrainischen Kernkraftwerks infolge einesunkontrollierten Leistungsanstiegs im Rahmen einerSicherheitsübung explodierte. Es war das erste Ereignis, das auf dersiebenstufigen internationalen Bewertungsskala in die höchsteKategorie, «katastrophaler Unfall», eingeordnet wurde.

Zehn Jahre auf Stand-by

RWE beantragte 1989 eine neue erste Teilgenehmigung, die 1990 auch
erteilt, aber nicht sofort vollzogen wurde. Es folgte eine jahrelangeProzesslawine, die damit endete, dass das Bundesverwaltungsgericht1998 auch die neue erste Teilgenehmigung aufhob. Das war derTodesstoss für das AKW Mülheim-Kärlich. Für RWE wäre es zu teuergewesen, die Juristen und die Kläger zufriedenzustellen. Im Rahmendes Atomkonsenses mit der damaligen rot-grünen Bundesregierungunter Gerhard Schröder fiel schliesslich die Entscheidung zurStilllegung der Anlage. Der Schildbürgerstreich kostete RWE unddessen Aktionäre schätzungsweise 5 Mrd. . Davon entfallen3,5 Mrd. auf den Bau, 1 Mrd. auf den Rückbau und HunderteMillionen auf die zehn Jahre Stillstand, wie die Verantwortlichen desEssener Stromkonzerns erklären. Von 1988 bis 1998 wurde dasKraftwerk unter voller Betriebsstärke der Mitarbeiter auf Stand-bygehalten, inklusive Erhaltungsarbeiten, Revisionen und Wartungen.Als Ausgleich für den beträchtlichen Schaden durfte RWE schliesslich107 Terawattstunden (TWh) auf andere Kernkraftwerke übertragen.2004 erhielt der Konzern dann die erste Stilllegungs- undAbbaugenehmigung durch die Verwaltungsbehörden.

Beim Kraftwerk von Mülheim-Kärlich handelt es sich um einensogenannten Druckwasserreaktor mit einer Bruttoleistung von 1302MW (Nettoleistung 1219 MW) des Herstellers BBC/BBR (Westinghouse).Der Lieferant war damals ungewöhnlich, denn in Deutschlandstammen die meisten Reaktoren von Siemens. Doch RWE strebte inden 1970er Jahren eine Diversifizierung der Hersteller an. BeiDruckwasserreaktoren wird die Wärme aus der Spaltzone durchWasser abgeführt, das unter hohem Druck steht. Es entsteht zwar einehohe Temperatur, doch ein Sieden in der Spaltzone wird vermieden.Das Kühlwasser gibt seine Wärme schliesslich in einemDampferzeuger in den Sekundärkreislauf ab. Grundsätzlich bestehtein Atomkraftwerk typischerweise aus dem Kernreaktor (oft untereinem Kuppelbau, wobei die Betonkugel den Reaktor auch im Erdreichumschliesst), einem bereits von weitem sichtbaren Kühlturm, einem Kamin (Schornstein) und diversen Nebengebäuden.

Besuch vom AKW Beznau


Insgesamt bestand die Gesamtmasse der Anlage aus 500 000 t.
Experten unterscheiden dabei zwischen dem konventionellen Bereichund dem nuklearen Bereich. Der konventionelle Bereich umfasst rund200 000 t, dazu zählen beispielsweise das Maschinenhaus, dasSchaltanlagengebäude und der Kühlturm. Die Masse des nuklearenBereichs beträgt etwa 300 000 t, wobei es sich hauptsächlich um Betonhandelt. Dazu kommen Rohrleitungen, Kabel, Armaturen undÄhnliches. Von den 300 000 t im nuklearen Bereich gelten 284 000 tals nicht verunreinigt. Lediglich 16 000 t sind somit problematisch,davon können 14 000 t gereinigt und für die Wiederverwendung oderEntsorgung freigegeben werden. Lediglich 1800 t sind radioaktiverAbfall. Immer wieder kommen auch Besucher auf die Anlage. Vorkurzem seien Kollegen aus der Schweiz vom AKW Beznau in Mülheim-Kärlich gewesen, sagt Volmar, die sich über die technischenHerausforderungen des Rückbaus informiert hätten.Der Rückbau sei wie ein umgekehrter Neubau, sagt Volmar, der seit2006 auf der Anlage tätig ist und seit 2015 wie eingangs erwähnt dieLeitung innehat. Lediglich von 2010 bis 2013 arbeitete der 50-Jährige inEngland, als RWE dort neue Kraftwerke bauen wollte. Bei jedemRückbau würden zuerst die Brennelemente entfernt. Damit hättenschliesslich 99% der Radioaktivität die Anlage verlassen, erklärtVolmar. Die Brennelemente von Mülheim-Kärlich wurden 2001entnommen und gingen in die französischeWiederaufbereitungsanlage in La Hague. Verhältnismässigunproblematisch ist der Abriss von Nebengebäuden, wie beispielsweisedem Leitstand oder dem Maschinenhaus, in dem früher die Turbinenstanden. Die Turbinen hat RWE nach Ägypten verkauft. Aufwendig,aber unproblematisch ist auch der Abbau des Kühlturms, der trotzeiner Höhe von 162 m lediglich eine Betonstärke von 10 bis 20 cmaufweist. Arbeiter tragen den Kühlturm schichtweise ab, da eineSprengung aufgrund einer dicht neben dem Turm verlaufendenEisenbahnlinie nicht möglich war. Pro Woche schaffen die Arbeitereine Runde, bei der sie jeweils 3 m hohe Teile abbauen. Ende 2019dürfte der Kühlturm dann ganz abgetragen sein. Das Wahrzeichen vonMülheim-Kärlich ist dann endgültig verschwunden